Podcast: Menschenrechte
Im Young Germany Podcast erzählt heute Andrea Kuhn von ihrer Arbeit als Leiterin des Filmfestivals der Menschenrechte in Nürnberg, ein Besuch dort lohnt sich nicht nur für Kino-Fans und Weltverbesserer*.

Andrea Kuhn, Festival Director Nuremberg International Human Rights Film Festival (NIHRFF)
D@YG: Für den Young Germany Podcast dieses Monats haben wir heute Andrea Kuhn, Leiterin des Filmfests für Menschenrechte der Stadt Nürnberger am Telefon. Frau Kuhn, danke, dass Zeit für uns haben.
Andrea Kuhn: Vielen Dank, dass ich bei Ihnen sein darf heute.
D@YG: Sie sind seit fünf Jahren Leiterin des Filmfestivals der Menschenrechte in Nürnberg, was ist Ihnen bei dieser Arbeit in Nürnberg jetzt am Wichtigsten?
Andrea Kuhn: Mh, zwei Sachen. Also, wir verstehen uns zum einem als Forum zum Thema Menschenrechte, das heißt wir wollen Menschen zusammenbringen, die sich für Menschenrechte interessieren, die dort aktiv sind. Ganz gleich, ob das Filmemacher sind, ob das das Publikum ist, Menschenrechtsorganisationen. Die sollen bei uns beim Festival eine Möglichkeit haben, sich zu finden und sich auszutauschen. Aber natürlich geht es uns auch darum, richtig große Filmkunst nach Nürnberg bringen. Und Filmen, die viel zu oft kein Forum in Deutschland haben, eines zu bietenbieten
1. etwas bieten: etwas offerieren / etwas geben können 2. etwas zu bieten haben: etwas anbieten können . Denn die Filme die wir zeigen, sind nichts anderes als große Kinoproduktionen, nur dass sie oft nicht den Weg in die deutschen Kinos schaffen aus ganz unterschiedlichen Gründen. Aber ein Grund, der nicht dafür gerade stehen kann, ist die Qualität der Filme, denn die ist sehr gut und wir wollen, dass tolle Filme zu wichtigen Themen gesehen werden können.
D@YG: Mhm, ich weiß aus anderen Interviews, dass es Ihnen auch wichtig ist, Menschen zu erreichen, die sich nicht sowieso schon mit dem Thema Menschenrechte befassen, sondern, dass Sie besonders auch Schüler und junge Leute ansprechen wollen. Wie schaffen Sie das, da so eine große ÖffentlichkeitÖffentlichkeit
die Öffentlichkeit (nur Sg.): Alle Privatmenschen, die bei einem Ereignis Zuschauer sind oder daran als Privatperson teilnehmen zu erreichen?
Andrea Kuhn: Ja, also unser wichtigstes Argument ist es, dass wir ein Filmfestival sind. Das heißt, egalegal
egal: Etwas ist "egal", wenn es nicht wichtig ist / keinen Unterschied macht., ob man sich für Menschenrechte interessiert oder auch nicht, bei uns kann man die neusten Produktionen aus der ganzen Welt sehen, tolles KinoKino
A “Kino” is a movie theater. In most large cities, there are movie theaters that play original tone movies as well as films in German. Discounts are often given to students or on weekday evenings known as Billig Abend or cheap evening. , das auch für eine große Leinwand gemacht worden ist, also keine Fernsehreportagen oder ähnliches, sondern richtig hochqualitatives KinoKino
A “Kino” is a movie theater. In most large cities, there are movie theaters that play original tone movies as well as films in German. Discounts are often given to students or on weekday evenings known as Billig Abend or cheap evening. . Die Menschenrechte kommen dann über die Themen der Filme natürlich hinzu. Aber man braucht keine Angst haben vor den Filmen, die wir zeigen. Manche Leute haben ein bisschen Vorurteile, dass Menschenrechtsfilme vielleicht nur traurig sind oder manchmal schlecht gemacht sind. Das alles trifft bei uns nicht zu. Wir haben natürlich auch sehr schwere Themen, aber wir haben immer große Kinokunst. Und darüber vor allem wollen wir ein Publikum erreichen, dass die sehen, bei uns laufen große Filme, die kann man anschauen und da man muss sich noch gar nicht für Menschenrechte interessieren und während man diese Filme anguckt, lernt man gleichzeitiggleichzeitig
gleichzeitig: zur gleichen Zeit etwas über Menschenrechte und man lernt etwas über Menschen, aus anderen Ecken der Welt, und natürlich etwas über Menschen, die bei uns leben und über uns selbst. Und wir hoffen also, über dieses populäre Medium Film möglichstmöglichst
so gut wie möglich viele Menschen erreichen zu können.
D@YG: Sind Sie dann selbst auch viel unterwegs auf der Suche nach solchen qualitativ hochwertigen Filmen für das Festival oder kommen die zu Ihnen?
Andrea Kuhn: Beides, also wir haben eine internationale Ausschreibung, das heißt, wir bekommen Filme zugeschickt aus der ganzen Welt, und wirklich aus jedem Winkel der Welt. Aber natürlich kann man so ein Festival nicht machen, ohne selber viel zu reisen. Das heißt, ein wichtiger Aspekt meiner Arbeit bestehtbesteht
aus etwas bestehen: aus etwas sein (wenn aus mehreren verschiedenen Teilen ein ganzes Teil wird)
darin, neue Filme zu finden. Das mache ich meistens bei anderen Filmfestivals zum Thema Menschenrechte.
Aber es gibt da noch einen zweiten Aspekt der Arbeit und der bestehtbesteht
aus etwas bestehen: aus etwas sein (wenn aus mehreren verschiedenen Teilen ein ganzes Teil wird)
darin, dass wir uns als Menschenrechtsfilmfestivals vernetzen. Dadurch kann ich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, ich sehe bei anderen Festivals interessante Filme und zwar viele Filme aus der Region, in der ich gerade bin. In letzter Zeit war ich viel in der arabischen Welt unterwegs. Das sind Filme, die wir zum Teil gar nicht zu sehen bekommen, aber dadurch, dass ich mich mit den Kollegen und Kolleginnen international treffe, lerne ich auch diese Filme kennen und kann sie dann natürlich nach Nürnberg bringen.
D@YG: Und wenn Sie dann da unterwegs sind, haben Sie da auch ErfahrungErfahrung
die Erfahrung, -en: wenn man etwas Neues in seinem Leben tut und daraus lernt, macht man eine Erfahrung., wie es ist, in Ländern, die die Menschenrechte so nicht umsetzen oder achten, wie wir vielleicht aus Deutschland gewohnt sind, gibt es da kritische Situationen.
Andrea Kuhn: Ja, natürlich. Also für mich selber natürlich nicht, da sind wir als Filmfestival nicht im Fokus von offiziellen Stellen. Aber wenn ich als Beispiel mal den kleinen Golfstaat Bahrain nehmen kann… ich war in Bahrain 2009, das war das erste Land, das ein Menschenrechtsfilmfestival in der arabischen Welt hatte. Und nebenneben
(hier): zusätzlich zu dem Filmfestival habe ich auch eine sehr schöne Tour über die Insel gemacht mit einem Menschenrechtsaktivisten. Der hat uns einfach in seinen PKW gepackt und hat uns mal die andere Seite Bahrains gezeigt, die Seite von Bürgerrechtsaktivisten, von Fischern, die für ihre Rechte kämpfen. Da haben wir einen ganz anderen Blick bekommen. Ich saß dann am selben Abend noch mit der Kultusministerin und dem Innenminister des Landes zusammen… Naja, und wenn man dieses Jahr – oh, jetzt muss ich sagen, im letzten Jahr – 2011 die Ereignisse betrachtet hat, dann ist Bahrain die arabische Revolution, die nicht erfolgreich war, sondern im GegenteilGegenteil
das Gegenteil, -e: das Gegenteil von "voll" ist "leer"; das Gegenteil von "jung" ist "alt" mit äußerster Brutalität zurückgeschlagen wurde, von der Regierung und auch von anderen Golfstaaten. Und das betrifft einen dann natürlich persönlich schon sehr. Denn es waren auch meine Kollegen vom Menschenrechtsfestival, die auf der Straße waren und natürlich der junge Menschenrechtsaktivist, mit dem ich über die Insel gefahren bin, die an vorderster Front standen und stehen und die tagtäglich eigentlich um ihr Leben und ihre Gesundheit fürchten müssen. Und dann wird die Welt plötzlich sehr klein und auch die Situation sehr anschaulich. Das ist eben nicht ein ferner Ort, sondern das sind meine Kollegen, das ist ein Land, in dem ich war. Das sich jetzt eben von einer ganz anderen Seite zeigt, als ich es kennengelernt habe.

D@YG: NebenNeben
neben: (hier) zusätzlich zu diesen Momenten, die vielleicht nicht so schön sind, gibt es bestimmt auch ganz viele schöne Momente und damit möchte ich unser Gespräch beenden. Was waren denn die schönsten Momente in diesen fünf Jahren beim Filmfestival in Nürnberg?
Andrea Kuhn: Also die schönsten Momente sind natürlich die Begegnungen mit tollen Menschen und das ist das Wunderbare an diesem Job, den ich habe, dass die meisten Menschen, mit denen ich zu tun habe, unglaublich nett und offen sind, egalegal
egal: Etwas ist "egal", wenn es nicht wichtig ist / keinen Unterschied macht. aus welchem Winkel der Welt sie kommen… und unheimlich dramatische Momente aber auch sehr sehr schöne Momente…
Im letzten Jahr bei unserem Festival hat die Gewinnerin unseres großen Preises, Paula Markovitch aus Argentinien, als sie das erste Filmgespräch hatte, uns unter Tränen erzählt, dass ihre Großeltern Europa verlassen mussten, wegen der Nazis. Und dass sie nach Nürnberg – also ausgerechnet nach Nürnberg, einer Stadt, die so eng mit den Nationalsozialismus verbunden war - kommen kann und ihren Film über die argentinischen Militärdiktatur zeigen kann, das war ihr ganz wichtig und das war für uns auch ein sehr bewegender und schöner Moment. Dass so etwas passiert, also dass man sich wiedersieht und dass es Versöhnung geben kann und dass da etwas entstehtentsteht
entstehen: sich entwickeln
, das jenseits eines Filmfestivals und jenseits einer Filmvorstellung, sondern das ganz schöne und unvergessliche Momente für uns waren.
D@YG: Mhm, was dann die Menschen auch persönlich betrifft….
Andrea Kuhn: Genau.
D@YG: Frau Kuhn, dann möchte ich mich bei Ihnen bedanken, vielen Dank, dass Sie für das Interview bereitbereit
bereit sein: fertig sein für etwas standen und vielleicht sieht man sich ja mal oder sehen einige unserer Hörer Sie einmal beim Filmfestival in Nürnberg!
Andrea Kuhn: Seinen Sie alle herzlichherzlich
herzlich: sehr freundlich; wenn man jemanden wie einen Freund behandelt willkommen!
D@YG: Dankeschön
Andrea Kuhn: Ich danke Ihnen. Tschüss!
Linktipps:
> www.filmfestival-der-menschenrechte.de
> www.humanrightsfilmnetwork.org
*der Weltverbesserer = wird meist spöttisch gebraucht für jemanden, der glaubt, aus eigener Kraft und nach seinen Vorstellungen die Welt verbessern zu können (s. www.dwds.de)